Vom Wunsch, ein richtiger Junge zu sein

Author: Nicole Mohn | Publisher: Nürtinger Zeitung | PublishDate: 2015-06-15 | Link: /spielzeit-2015/vom-wunsch-ein-richtiger-junge-zu-sein/

Naturtheater Grötzingen zeigt Kinderbuchklassiker „Pinocchio“ im zeitgemäßen Gewand.

AICHTAL-GRÖTZINGEN. Ein echtes Lausbubenstück läuft in diesem Jahr im Naturtheater Grötzingen. Collodis „Pinocchio“ erlebt im aktuellen Kinderstück der Bühne am Galgenberg wahrlich märchenhafte Abenteuer. Er bekommt es mit gewieften Gaunern zu tun, der verschlagenen Malissima und dem zauberhaften Fräulein Felicitas. Eine Geschichte mit vielen bunten Bildern – und Happy End –, die gestern beim Premierenpublikum gut ankam.

Ein verwunschenes Stück Holz ist Ausgangspunkt für die abwechslungsreiche Geschichte, die der Italiener Carlo Collodi 1881 ersonnen hat. Aus dem Holz schafft Marionetten-Macher Geppetto den kleinen, sprechenden Holzkasper Pinocchio, den er an Sohnes Statt aufnimmt und ihn sogar zur Schule schicken will. Doch für den Buben ist das Leben viel zu aufregend, als dass er in der Schule hocken und lernen will. Stattdessen gerät der Holzkasper von einem Abenteuer ins nächste und entdeckt dabei, dass es nicht alle so gut mit ihm meinen wie sein Papa Geppetto.

Zum ersten Mal hat Kira Thomas die Regie für das Kinderstück des Naturtheaters übernommen. Den Klassiker „Pinocchio“ hat die Stuttgarter Schauspielerin und Theaterpädagogin dazu erst einmal gehörig entstaubt und mit vielen kleinen Einlagen den erhobenen Zeigefinger der Moral abgemildert. Gut gelingt das zum Beispiel in der Schulstunde, in der Pinocchio nicht etwa das kleine Einmaleins büffelt, sondern von der hippen Sportlehrerin im knalligen Neondress über die Matte gescheucht wird. Lokalkolorit haucht die Regisseurin dem italienischen Original mit schwäbischem Dialekt ein, indem die Bäuerin um den Preis des Esels feilscht oder sich Meister Geppetto mit Holzlieferant Kirsch die Schimpfwörter (allerdings jugendfrei) um die Ohren haut.

Geprägt wird die Inszenierung vor allem durch die farbenprächtigen Bilder mit den detailreichen Kostümen von Simonè Pfaus und Situationskomik. Ob es da nun die beiden tollpatschigen Gendarmen des Kasperle-Theaters der Madame Diabolica sind, die durch die Gegend staksen und immer wieder zusammenrasseln, oder es die bunte Zirkus-Menagerie ist, die mit Jonglage und anderen kleinen Kunststückchen für einen Moment eine ganz andere Szenerie erschafft – immer wieder streut die Regisseurin kleine Momente ein, die für einen Lacher gut sind.

Für alle Mitspieler ihrer über 30-köpfigen Darstellerschar hat Kira Thomas Aufgaben gefunden. Mal als Marktvolk, mal als muntere Gänse oder Schulkinder übernehmen vor allem die jungen Akteure gleich mehrere Rollen. Den Hut darf man jedenfalls vor Kalle Hasenberg ziehen, der als Pinocchio beinahe pausenlos auf der Bühne präsent war und sich in der Rolle des frechen Lausbuben sichtlich wohlfühlte. Ihren Szenenapplaus hatten aber insbesondere Fuchs (Ralf Hoene) und Katze (Kerstin Schürmann) sicher, wann immer sie sich zeigten. Ihnen beim Spiel des pelzigen Gaunerpaares zuzuschauen war eine wahre Freude – egal, ob sie den ahnungslosen Pinocchio zu täuschen versuchten oder sich mit großem Hallo vor der Polizei in Sicherheit brachten. Auch Heike Arnold als übermotivierte Lehrerin und als Clown machten ihre Rollen sichtlich Freude, was auch das Publikum honorierte.

Zum dritten Mal bereits steht Collodis Pinocchio nun schon auf dem Spielplan des Naturtheaters. Mit Remakes ist es mitunter so eine Sache: Sehr schnell zieht man den Vergleich zum Original. Zumal bei einer Geschichte, die so oft gespielt und verfilmt wurde wie die des Pinocchio. Kira Thomas hat es trotzdem geschafft, der Grötzinger Inszenierung eine eigene Handschrift zu geben, auch wenn dem Stück streckenweise etwas an Dynamik fehlte. Mit den vielen fröhlichen Liedern und Bildern gelingt ihr trotzdem eine Lausbubengeschichte, in der sich nicht nur die Kinder wiederfinden. Denn mal ehrlich: Auch Mama oder Papa hatten nicht immer Lust, die Schulbank zu drücken, oder?

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