Schwindeleien und Verwirrspiele

Author: MADELEINE WEGNER | Publisher: Nürtinger Zeitung | PublishDate: 2015-06-10 | Link: /spielzeit-2015/schwindeleien-und-verwirrspiele/
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Bei den beiden Regisseurinnen Kira Thomas (links) und Barbara Koch stimmt die Chemie.

AICHTAL-GRÖTZINGEN. Beim Naturtheater in Grötzingen steigt das Lampenfieber: Am kommenden Wochenende startet die Amateurbühne in ihre neue Spielzeit. Auf der Freilichtbühne am Galgenberg wird im Kinderstück „Pinocchio“ in diesem Jahr geschwindelt, bis die Nase wächst. Im Erwachsenenstück verspricht es ein „toller Tag“ zu werden, wenn blaues Blut in Wallung gerät und beim Liebeswerben so manche Verwirrung entsteht.

Theater ist Leidenschaft – und mit Leidenschaft wird nicht nur Sommer für Sommer am Grötzinger Galgenberg gespielt: Leidenschaft, Liebe und Intrige sind auch die wesentlichen Elemente einer Geschichte, die Operngänger eigentlich sehr gut kennen müssten. „Der tolle Tag“ aus der Feder des französischen Autors Pierre Augustin Caron des Beaumarchais lieferte nämlich die Vorlage zu Mozarts Oper „Figaros Hochzeit“. Ein munteres Verwirrspiel mit dem kecken wie gewieften Kammerdiener im Mittelpunkt, der die Adligen am Hofe des Grafen Almaviva ganz schön an der Nase herumführt.

Schon wegen ihres Unterhaltungswertes und Wortwitzes hat sich die Bühne zur Umsetzung des Stückes entschlossen. Die Komödie habe aber auch gereizt, weil sich frau und der vermeintlich „kleine Mann“ mit Witz und List gegen die Obrigkeit behaupten, so die Regisseurin Barbara Koch beim Pressegespräch am Montagnachmittag. Manches jedoch hat die künstlerische Leiterin der Grötzinger Bühne überarbeitet und angepasst: „Für seine Zeit war es ein kritisches Stück, jedoch lässt sich heutzutage nicht mehr alles vermitteln“, erklärt sie.

Erfahrene Darsteller stehen mit dem Nachwuchs auf der Bühne

Die Darstellerriege ist jung: Mit Kai Feldmaier, der auch für das Bühnenbild inklusive Schlossgarten und Pavillon verantwortlich zeichnet, rückte die Regisseurin einen Schauspieler als Graf Almaviva ins Rampenlicht, der bislang nur kleinere Sprechrollen übernommen hat. Mit ihrer Entscheidung ist sie sehr glücklich, wie sie im Vorgriff auf die Premiere verrät: „Er macht das sehr gut“, gibt es von der langjährigen Theaterfrau Vorschusslorbeeren. Wie so oft, ist das Ensemble im Erwachsenenstück bunt gemischt, stehen alte Hasen neben dem Nachwuchs auf der weiten Bühne am Galgenberg. „Freilichttheater ist Generationen-Theater“, weiß Barbara Koch.

Bei der Ausstattung wird ausgiebig im Prunk des Rokoko geschwelgt. Vor allem Kostümbildnerin Heike Pautkin hat dabei mit ihrem Team ganze Arbeit geleistet und eine opulente Garderobe für die Darsteller entworfen. Die musikalische Untermalung des Stücks kommt – wie könnte es anders sein – von Mozart. Vom ursprünglichen Plan, einzelne Arien singen zu lassen, rückte die Regisseurin allerdings wieder ab. Bei den Musikschulen fanden sich keine passenden Sänger: „Und jemanden für zwölf Wochenenden zu kriegen, wäre doppelt schwierig“, winkt die künstlerische Leiterin ab. Deshalb komme die Musik nun aus der Konserve.

Musik darf natürlich auch beim Kinderstück „Pinocchio“ nicht fehlen. Die fröhlichen Lieder, verspricht Gastregisseurin Kira Thomas augenzwinkernd, könnten in den Kindergärten zu echten Ohrwürmern werden. Zum ersten Mal hat die Schauspielerin und Theaterpädagogin die Leitung einer so großen Spielschar übernommen. Auch die große Bühne des Grötzinger Naturtheaters ist für sie eine Herausforderung. Doch die Darstellerin genießt es, mal auf der anderen Seite zu stehen, und die Zusammenarbeit mit dem 36-köpfigen Ensemble des Kinderstücks. „Die sind hoch motiviert und spielfreudig“, freut sich Kira Thomas, die seit 15 Jahren fest am Theater der Altstadt in Stuttgart engagiert ist.

Mit dem Stück „Pinocchio“, das zum dritten Mal in der Geschichte des Naturtheaters gespielt wird, hatte die Regisseurin anfangs so ihre Probleme. „Mir lag sehr daran, diesen riesengroßen pädagogischen Zeigefinger weitgehend auszublenden“, sagt sie. Mit der Fassung von Walter Edelmann fand sie schließlich die passende und kinderfreundliche Fassung des Kinderbuchklassikers von Collodi.

Fuchs und Kater, Esel und Gänse: Über 60 verschiedene Rollen tummeln sich insgesamt in dem Stück. Die Kostüme stammen aus der Feder von Simone Pfaus. Kira Thomas begeistern dabei auch hier die kleinen Details: „Die Gänse tragen ihre Schnäbel als kleine Krönchen“, hat sie sich in ein paar der Entwürfe regelrecht verliebt. Und auch die Werkstatt Geppettos, die Feldmaier entwarf, findet bei ihr großen Anklang. Wie bei Pinocchio jedoch die Nase wächst, darauf darf das Publikum gespannt sein.

Die Geschichte des kleinen Jungen, der sich durchs Leben lügt, da ist die sympathische Regisseurin überzeugt, spricht nicht nur das junge Publikum an. „Mich haben die kleinen Flunkereien an die eigene Kindheit erinnert“, schmunzelt sie.

Am kommenden Wochenende wird es nun ernst für die große Familie des Naturtheaters. Am Samstag, 13. Juni, feiert um 20.30 Uhr „Der tolle Tag“ Premiere, für die Spielschar des Kinderstücks geht’s am Sonntag, 14. Juni, um 15 Uhr los. Insgesamt rund 100 Darstellern, Garderobieren, Maskenbildnern, Platzanweisern, Licht- und Tontechnikern und Helfern stehen dann anstrengende Wochen bevor.

Neben den 30 eigenen Vorstellungen, die bis zum 23. August auf dem Spielplan stehen, erwartet die Truppe zudem zwei Gastspiele im weiten Rund des Galgenbergs. Am Freitag, 3. Juli, gastieren die beliebten Live-Lyrix des SWR3 im Grötzinger Naturtheater. Alexandra Kamp, Ronald Spiess und Ben Streubel bringen die Geschichten in und hinter den bekannten Pop- und Rocksongs auf die Bühne. Beginn ist um 20.30 Uhr.

Besonders freut sich Barbara Koch darüber, dass auch die Dramatische Bühne aus Frankfurt am Main wieder in Grötzingen zu Gast ist. Das Theater zeigt bei seinem Gastspiel am Freitag, 10. Juli, seine Produktion „Ein Sommernachtstraum“.

Die Gastspiele hat die Bühne aus Anlass ihres 60-jährigen Bestehens wieder aufgenommen und will sie auch für die kommende Spielzeit fortsetzen. „Das erweitert unser Kulturangebot“, sagt Barbara Koch. Freuen darf man sich dabei schon jetzt auf Kabarettist Mathias Richling, der 2016 die Freilichtbühne in Grötzingen bespielen wird. Auch die eigenen Stücke stehen – ganz untypisch für das Naturtheater – schon fest: Für die Kinder wird Cornelia Funkes „Herr der Diebe“ auf die Bühne gebracht. Als Erwachsenenstück ist „Die Päpstin“ in Planung.

Alle Informationen zur Spielzeit und zu den Gastspielen unter www.naturtheater-groetzingen.de; Karten können entweder beim Naturtheater direkt oder über das Ticketportal reservix.de bestellt werden.

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