Die Rache des Grafen: Kritik der Nürtinger Zeitung

„Monte Christo“-Premiere ein voller Erfolg – Trotz Fußball-EM spielte das Ensemble des Grötzinger Naturtheaters vor vollen Rängen

von Hein Böhler

AICHTAL-GRÖTZINGEN. Liebe, Intrigen und Rachsucht – wer am Samstagabend mit dabei war, als im Grötzinger Naturtheater die Premiere einer Bühnenbearbeitung des Romans „Der Graf von Monte Christo“ dem ersten Spiel der deutschen Fußballnationalmannschaft die metaphorische Stirn bot, kam in Sachen Gefühle voll auf seine Kosten. Die Autoren des Bühnentextes, Barbara Koch und Rainer Nübel, hatten im Vorfeld ebenso ganze Arbeit geleistet wie die Schauspieltruppe um Regisseur Jürgen von Bülow sowie die mit Bühnenbau und Kostümfertigung, Licht und Ton, Maske und Requisiten befassten Teammitglieder.

Eine Touristengruppe in Marseille besichtigt ein Denkmal des Schriftstellers Alexandre Dumas, der – plötzlich wieder beseelt – sich bereit erklärt, den jungen Deutschen eine Geschichte – die des Kapitäns Edmond Dantès – zu erzählen. So erfahren sie, wie das Premierenpublikum, sozusagen aus erster Hand, wie ein gutgläubiger, liebevoller und beruflich überaus erfolgreicher junger Mann durch eine Verschwörung missgünstiger und eigensüchtiger Konkurrenten von einem Augenblick auf den anderen alles verliert und in den Mühlen der Justiz verschwindet.
Nach 14 Jahren Haft in der Festung „Chateau d’If“, wo Dantès die Bekanntschaft eines von der Wachmannschaft für verrückt gehaltenen Priesters macht, entkommt er. Da ihm jener Abbé Faria kurz vor seinem Tod einen auf der Insel Monte Christo vergrabenen Schatz vererbt hat, den der nach der Flucht auch findet, kehrt er als steinreicher Graf von Monte Christo nach Frankreich zurück. Ein ausgeklügelter Rachefeldzug nimmt seinen Lauf.

Überzeugend wirkte, was Bühnenbauer und -bildner auch für diese Saison auf die Beine beziehungsweise auf die Spielfläche des Naturtheaters gestellt haben. Felsgrau bemalte Folien umhüllen den drehbaren Innenraum eines künstlich-kahlen Hügels, der die Marseille vorgelagerte Insel If darstellt. Mal dient er als Zelle, mal als Präsentationsfläche oder Tatort eines Selbstmordes und ist dem repräsentativen Herrenhaus des Grafen nicht zuletzt auch symbolisch gegenübergestellt. Mäntel und Degen wurden immer flugs gegen Uniform oder Gehstöcke getauscht, die Szenenwechsel gingen flott und ohne größere Zwischenfälle einher. Das Einzige, was die Szenerie im Naturtheater zuweilen beeinflusste, waren raunende Publikumsreaktionen – allerdings nicht auf die keineswegs unspektakulären Wendungen des Stückes, sondern auf etwaige Entsetzens- oder Jubelschreie aus den hangabwärts gelegenen Fernsehzimmern der Ortschaft Grötzingen. Doch davon ließen sich weder Hauptdarsteller Andreas Rilli beeindrucken noch seine Kolleginnen Melanie Walz, die der Figur der von Dantès geliebten Mercédès ein glacéhandschuhfeines Leben einhauchte, und Kerstin Schümann, die in den Rollen der Wirtsgattin Carconte und der Mörderin Cavalcanti überzeugen konnte. Weitere Doppelrollen hatten Roland Theurer, der als Abbé Faria und Vater Dantès brillierte, Reinhold Oppermann als Reeder Morrel und Amtsrichter, Siegfried Zuckriegel als Soldat und Festungswächter sowie Sabrina Köble, die außer dem Sekundanten des duellbereiten Albert de Morcerf die Touristin Birgit gab, und ihr als Reisebegleiter Manfred und Grafensohn Albert agierender Kollege Tobias Laß inne, der gleich den Braten roch und die Intriganten in Dumas’ Erzählung mit den „Heuschrecken“ und Spekulanten der Wallstreet und Banken verglich. Denn die waren in Edmond Dantès’ Abwesenheit in Positionen aufgestiegen, wo man allgemein und besonders bei George Grosz und Henrik Ibsen als „Stützen der Gesellschaft“ gilt.

„Gibt es einen schöneren und erregenderen Ort als die Börse?“ fragt der einstige Verräter Danglars (Thilo Metzger) den ihm unbekannten Grafen, und bekennt damit ein unverhüllt sinnliches Verhältnis zum Mammon. Genau dort packt ihn der Rächer und stößt den Bankier in den Staub des Ruins. Den Staatsanwalt, der ihn zugunsten der eigenen Karriere in den Kerker schickte, treibt er mit der Konfrontation mit dessen Vergangenheit in den Wahnsinn. Schon stark, wie Joachim Rogge das innere Einknicken vor dem Ausmaß seiner Schuld dieses Rechtshüters zur Schau stellte. Südländisches Temperament zeigte Vivek Sehra, als katalanischer Fischer wie als Graf de Morcerf, der sein Vermögen mit einem weiteren Verrat gemacht hatte. Sein Selbstmord fand hinter den Kulissen statt, angezeigt durch einen lauten Pistolenknall, und machte Mercédès, die Frau, die Edmond nie aufgehört hatte, zu lieben, zur Witwe. Damit war sie eigentlich frei. Ob sie sich nun nach all den Jahren doch noch „kriegten“?

Beim ollen Dumas jedenfalls nicht. Doch da war das Publikum vor, verkörpert durch die vierköpfige Touristengruppe, die den ebenfalls von Andreas Rilli dargestellten wiederbelebten Dichter solange bekniete, bis Autor Nübel nachgab und einer abschließenden Umarmung des Paares nichts mehr entgegenzusetzen hatte als: „Aber eines muss ich euch sagen: Ihr Deutschen seid die reinsten Romantiker.“ Eine rundum gelungene Premiere, die zum Wiedersehen animiert, nahm anschließend noch unter tosendem Applaus ein festliches Ende, wobei den Akteuren Erleichterung und Freude ins Gesicht geschrieben stand.


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